Home
Bad Cannstatt
Vorwort <<
Inhaltsverzeichnis alphabetisch <<
Persönlichkeiten alphabetisch <<
Stadtkirche <<
Rathaus <<
Altes Dekanat <<
Verwaltungsgebäude <<
Polizeibrunnen <<
Geburtshaus Walcker <<
Altes Spital <<
Zunfthaus der Fischer <<
Geburtshaus Rupp <<
Schmidener Tor <<
Hermann Hesse <<
Schreinerei-Brunnen <<
Brückentor <<
Bronzerelief <<
Klösterle <<
Stadtmuseum <<
Taddäus Troll <<
Gasthof "Crone" <<
Geburtshaus Kiemlen <<
Erbsenbrunnen <<
Stadtmauer <<
Waiblinger Tor <<
Ehemaliges Sulzbad <<
Bahnhof Bad Cannstatt <<
Jakob von Heine <<
Geburtshaus Pauline Einstein <<
Friedrich von Dillenius <<
Villa Schöne <<
August Ludwig Reyscher <<
Jakobsbrunnen <<
Bernhard Molique <<
Wilhelm Ganzhorn <<
Georg Bernhard Bilfinger <<
"Mondlöscher" und "Gretle" <<
Johannes-Kepler-Gymnasium <<
Therese Köstlin <<
Fritz Elsas <<
Adolf von Seubert <<
Oskar Schlemmer  <<
Lautenschläger-Brunnen <<
Grosser Kursaal <<
Kleiner Kursaal <<
Gottlieb-Daimler-Gedachtnisstätte <<
Wilhelm Maybach <<
August Lämmle <<
Liebfrauenkirche <<
Uffkirche <<
Uffkirchhof <<
Lutherkirche <<
Vatikan <<
Geologisches Naturdenkmal <<
Veielbrunnen <<
Cannstatter Wasen <<
Schloss Rosenstein <<
Wilhelma <<
Wilhelma-Theater <<
Ferdinand Freiligrath <<
Turnverein Cannstatt u. Turngau Neckar <<
Jakob Linkh jun.  <<
Hermann Metzger  <<
Martinskirche <<
Erwin Hageloh <<
Römerkastell <<
Steigfriedhof <<
Israelitischer Friedhof <<
Burgholzhof-Aussichtsturm <<
Zunfthaus des Kübelesmarktes <<
Manfred Wörner <<
Quellnymphen <<
MineralBad-Cannstatt <<
Neckartalstrasse 67 <<
Rilling Sekt <<
Robert Stolz <<
Synagoge <<
Leopold Marx  <<
Schiffmann-Brunnen <<
Schokoladenfabrik Ritter <<
Schulgebäude Überkinger Strasse 48 <<
Einkehr "Jägerhaus" <<
Jugendstil-Ensemble <<
Albert Hofele <<
Keltisches Fürstengrab <<
Stelzenhaus <<
Felgerhof <<
Salomon Idler <<
Eugenie von Soden <<
VfB <<
Dieter Zaiß <<
Anna Blos und Wilhelm Blos <<
Anna Haag <<
Albert Hirth <<
Ehemaliges Hotel Herrmann <<
Ehemaliger Tanzsaal des Hotel Herrmann <<
Juno Brunnen <<
Hans Otto Stroheker <<
Max Kommerell <<
Willy Bleicher <<
Strassenbahnwelt Stuttgart <<
Turmuhren-Magazin <<
Zeittafel <<
Zeittafel <
Stadtplan <
Das Geschichtsbuch <
Das Fotobuch <
Tourismus
Der Verein
Impressum
Datenschutz








 

Vorwort

Dass es dem Cannstatter – und selbstverständlich auch der Cannstatterin – an Selbstbewusstsein gebricht,wenn die Sprache auf seine Heimatstadt kommt, darf getrost in das Reich der Fabel verwiesen werden.

Mit einem Wort: Er ist selbstbewusst und lässt dies einen Auswärtigen gelegentlich auch ganz ungebremst merken. „Er gerät förmlich in Eifer“, schrieb vor mehr als einhundert Jahren der Herausgeber der „Cannstatter Zeitung“, C. H. Beck, „wenn frühere Verhältnisse der Stadt den Gegenstand der Unterhaltung bilden“. Ein besonders scharf ausgeprägtes Gefühl, das dem Oberamtsstädter „zu allen Zeiten“ eigen gewesen sei.

Doch was ist es nun, das den Sauerwasserstädter „so oiga“ macht?

An der Pracht mittelalterlicher Bauten kann es nicht liegen. Sicher, es gibt einige wichtige historische Bauzeugen, wie etwa die Stadtkirche von Aberlin Jörg mit dem Turm von Heinrich Schickhardt oder die schön geschwungene Marktstraße mit ihren Giebelhäusern. Auch das jüngst renovierte Rathaus aus dem Jahre 1491 mit der zweitältesten profanen Glocke Württembergs (nach 1200) darf dazu gerechnet werden. Aber insgesamt ist das Städtchen am Neckar, wie es in alten Beschreibungen aus dem sechzehnten Jahrhundert immer wieder heißt, „zum Gebrauch gebaut“ gewesen.

Ja, wenn es nicht das „alte Gemäuer“ ist, das die Einwohner so stolz macht, was ist es dann?

Vor Jahrzehnten beispielsweise wurden in den Steinbrüchen unweit des Neckar-Viadukts die nachweisbar ältesten menschlichen Werkzeuge samt einem Rastplatz mit Resten einer Mahlzeit gefunden. Geschätztes Alter 250 000 Jahre. Auf dem Steinhaldenfeld wurden in den 1930er Jahren die reich ausgestatteten hallstattzeitlichen, keltischen Fürstengräber mit ihren reichen Goldfunden entdeckt und etwa um 90. nach Chr. erbauten die Römer ein Kastell auf der Altenburg für eine Reitereinheit. Hier oben entstand auch die Urkirche des Neckartals.

Um 708 wurde Cannstatt erstmals in einer Urkunde des Klosters St. Gallen erwähnt und 1330 durch Kaiser Ludwig dem Bayern mit Stadtrechten ausgestattet.

Der wirtschaftliche Aufstieg begann um 1500. Noch heute erinnert sich der Cannstatter, dass hier das Zentralpostamt der Thurn- und Taxis‘schen-Reichspost – übrigens bis 1806 – ansässig war. Er erinnert sich daran, dass von 1713 bis etwa 1870, „sein“ Cannstatt Hafenstadt war. Insbesondere beeindruckt ist er und kann sich eines gewissen sentimentalen Gefühls nicht erwehren, wenn die Rede auf die „große und unvergleichliche Zeit des Weltbads“ kommt. Man bedenke, Kaiser, Könige und Fürsten, aber auch international bekannte Künstler stiegen hierorts ab. Die Gäste kamen aus dem zaristischen Russland, aus der Schweiz, aus Frankreich, aus England und sogar aus den Vereinigten Staaten, um in Cannstatt zu kuren und gesellschaftlich zu verkehren. Es gab Privatschulen für höhere Töchter und Söhne, in denen mehr Ausländer als Deutsche teilweise dreisprachig unterrichtet wurden. Die jungen Engländer brachten damals auch das Fußballspiel nach Württemberg. Es war die Zeit, in der am Wilhelmsplatz durch Dr. Albert von Veiel die erste Hautklinik Deutschlands gegründet wurde und gegenüber in der Badstraße Dr. Jakob von Heine eine der ersten orthopädischen Kliniken betrieb, in der er als erster die Spinale Kinderlähmung als eigenständige Krankheit erkannte, welche deshalb seit 1907 Heine-Medinsche Krankheit heißt.

Und noch etwas Weiteres macht stolz: Bad Cannstatt hat mit 19 Mineralquellen und 22 Millionen Litern täglicher Schüttung das zweitgrößte Mineral- und Heilwasservorkommen In Europa nach Budapest. Aus diesem Grund besteht eine Stadtbezirkspartnerschaft zwischen Bad Cannstatt und dem Budapester Stadtteil Uibuda.

Hier in Cannstatt fuhr 1845 die erste Eisenbahn Württembergs, hier erfanden Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach gemeinsam den schnelllaufenden Benzinmotor, hier fuhr das erste Motorrad der Welt, hier wurden die erste Autogarage und die erste Tankstelle der Welt erbaut.

Hier wurden aber auch so weltbedeutende Firmen der metallverarbeitenden Industrie wie beispielsweise Werner u. Pfleiderer (Großbacköfen und Backmaschinen) oder Terrot (Rundstrickmaschinen) gegründet und hier an den Ufern des Neckars erblickte 1914 der erste industriell gefertigte Büstenhalter Marke „Hautana“ des Fabrikanten Sigmund Lindauer das Licht der Welt. Hier entwickelten vor dem Ersten Weltkrieg bekannte Flugpioniere ihre Luftfahrzeuge und machten den Wasen zum ersten Flugfeld Stuttgarts. Die starke Industrialisierung war es dann auch, die ab den 1870er Jahren den Kurbetrieb stark beeinflusste und langfristig die internationalen Kurgäste vertrieb. Da halfen auch die Erweiterung des Kursaals und seiner Parkanlagen um 1910 und die Verleihung des Titels Bad 1933 wenig.

König Wilhelm I. und seine Gemahlin, die russische Zarentochter Königin Katharina, machten mit dem 1818 gestifteten Cannstatter Volksfest auf dem Cannstatter Wasen den Namen Cannstatts auch drüben über dem „Großen Teich“ bekannt. Hier in Cannstatt wurde der Schriftsteller Thaddäus Troll geboren, hier gingen der spätere Literaturwissenschaftler Max Kommerell, der Psychiater Ernst Kretschmar und der Dichter Hermann Hesse ebenso zur Schule, wie die Konstrukteure Ernst Heinkel, Ferry Porsche oder Hellmuth Hirth.

Versteht nunmehr ein „Fremder“, warum die Cannstatter so stolz auf „ihr Cannstatt“ sind?

Und doch kam es zum 1. April 1905 (kein Scherz) zur Vereinigung der alten Oberamtsstadt am Neckar mit der Württembergischen Residenzstadt am Nesenbach, zu einer Vernunftehe, die für die meisten alteingesessenen Cannstatter Familien keine Liebesheirat war. Würde Bad Cannstatt nur 13 und nicht 3 Kilometer von Stuttgart entfernt sein, wäre die Stadt wohl heute noch selbständig und würde einen Platz in der oberen Liga der baden-württembergischen Städte einnehmen.

„Ist das Stuttgart bei Cannstatt“? ließ der Landeshistoriker Johann Daniel Georg Memminger einen Polizeibeamten in Tirol in seiner „Geschichte von Cannstatt“ anno 1812 fragen, als er dessen Pass kontrollierte. Es sei zwar eine „lächerliche Frage“, meinte unser Gewährsmann Memminger, die von „wenigen geographischen Kenntnissen“ zeuge, „aber desto mehr von dem Rufe der Stadt vornehmlich in den neuen Weltbegebenheiten“. Und wenn dies der Begründer der modernen württembergischen Landesgeschichtsschreibung sagt, wer wollte ihm dann widersprechen?

Hans Otto Stroheker, fortgeführt und ergänzt durch Olaf Schulze

Im Frühjahr 2013