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Georg Bernhard Bilfinger

Auf dieser Seite finden Sie den kompletten Vortrag von Dr. Gerhard Betsch über Georg Bernhard BILFINGER. Der Vortrag fand anlässlich des 250. Todestages Bilfingers am 30.11.2000 im Ludwig-Raiser-Haus in Bad Cannstatt statt.

Der Referent und Autor: Dr. Gerhard Betsch, geb. 1934 in Bad Cannstatt, Akad. Oberrat am Mathematischen Institut der Universtität Tübingen a.D., Gastprofessuren in Tuscon, Arizona, Parma und Linz/Donau. Mitarbeit in der evangelischen Erwachsenenbildung und Vorsitzender des Kulturkreises Weil im Schönbuch e.V.. Außerdem Experte zum Leben und Wirken von Georg Bernhard Bilfinger.


Geb. 23. Jan. 1693 in Cannstatt

Gest. 18. Febr. 1750 in Stuttgart (am 204. Todestag Luthers), begraben in der Hospitalkirche

Die Bildunterschrift lautet in deutscher Übersetzung:

GEORG BERNHARD BILFINGER

Des durchlauchtigsten Herzogs von Württemberg Geheimerat

Präses (Direktor) des kirchlichen Konsistoriums

Visitator der Universität Tübingen

Sekretär des Württembergischen Jagdordens

(Auswärtiges) Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Petersburg

Geboren im Jahr des Heils 1693 am 23. Januar

Das Porträt (rechts) stammt aus den 1740-er Jahren. Es zeigt Bilfinger in "Staatsrock" und Perücke, mit dem Württ. Jagdorden auf der Brust. Die Bücher im Hintergrund weisen den Dargestellten als Gelehrten aus. Auf einem Tisch steht ein Wasserglas, an dem man Brechungserscheinungen beobachten kann – eine Anspielung auf eine frühe Arbeit Bilfingers über ein optisches Problem. Der Plan einer Festung mit sternförmigem Grundriß erinnert an Bilfingers Beiträge zum Festungsbau.


Zusammenfassung
Bilfinger war ein hoch angesehener, ungemein vielseitiger Gelehrter, kompetent in den Fächern Theologie, Philosophie, Mathematik/Physik und Festungsbau. Herausragender Vertreter der sog. Leibniz-Wolffschen Philosophie.

1725 – 1730 war er ordentliches (Gründungs-)Mitglied der Akademie in St. Petersburg

1731 – 1735 war er ordentlicher Professor der Theologie an der Universität und Prof. der Mathematischen Wissenschaften am "Collegium Illustre" in Tübingen

1735 – 1750 gehörte er dem Geheimen Rat, also der herzoglichen Regierung von Württemberg an.

1737 – 1744, in der Zeit der Minderjährigkeit von Herzog Carl Eugen, war er der einflussreichste Mann der Vormundschaftlichen Regierung.

Seit 1739 war er zusätzlich Direktor (Präses) des Konsistoriums. Johann Albrecht BENGEL (1687 – 1752) war ab 1748 sein Kollege.

Verfasser des berühmten Pietismus-Reskripts vom 10. Okt. 1743.


BILFINGER stammt aus der sog. altwürttembergischen "Ehrbarkeit". Sein Vater Johann Wendelin Bilfinger (1647 – 1722) war Dekan von Cannstatt, später herzoglicher Rat und evangelischer Abt von Lorch, zuletzt Abt von Blaubeuren.

Bilfingers Mutter Anna Kunigunde stammte aus Worms. Sie war die Tochter des dortigen Seniors und Hauptpredigers Hartmann Manz und der Anna Reuter.

Georg Bernhard BILFINGER war manuell außerordentlich geschickt und hatte großes Interesse an handwerklicher Tätigkeit; er liebte es in den Werkstätten der Handwerker zuzusehen. Eigentlich wollte er Drechsler werden.

Da er auch wissenschaftlich sehr begabt war, wurde er – der Familientradition folgend - für einen gelehrten Beruf bestimmt und durchlief den klassischen Bildungsgang eines Theologen im alten Württemberg: Klosterschulen in Blaubeuren und Bebenhausen; ab 1709 Studium im berühmten Tübinger Stift; 1711 Promotion zum Magister (der Freien Künste), danach Studium der Theologie.

Schon im Grundstudium an der "Artistenfakultät" interessierte sich Bilfinger lebhaft für die Mathematischen Wissenschaften, zu denen Astronomie und Geometrie gehörten, damals aber auch Pyrotechnik (mathematisch-physikalische Grundlagen der Artillerie), und der Festungsbau als ein Kapitel der angewandten Geometrie. Es ist anzunehmen, daß er schon in jungen Jahren sich solide Kenntnisse des Festungsbaus erwarb.

Die Mathematischen Wissenschaften vertrat in Tübingen damals Johann Conrad CREILING (1673 – 1752), der auch im Festungsbau kompetent war.

Creiling hatte nach seinem Tübinger Studium noch bei Jakob I BERNOULLI (1657 - 1705) in Basel studiert und war in Paris mit dem Festungsbaumeister Sébastien le Prestre de VAUBAN (1633 – 1707) zusammen getroffen.

Der Studiosus Bilfinger studierte neben den Vorlesungen Creilings mit Begeisterung ein damals weit verbreitetes Sammelwerk über Mathematische Wissenschaften, das der Hallenser Prof. der Philosophie Christian WOLFF (1679 – 1754) verfaßt hatte: Die "Elementa Matheseos Universae" in fünf Bänden; Band IV in der Aufl. von 1738 habe ich mitgebracht. Durch dieses Buch wurde Bilfinger zur intensiven Beschäftigung mit der Philosophie von WOLFF und LEIBNIZ geführt.

Band IV der "Elementa Matheseos Universae" behandelt folgende Themen: Mathematische Geographie, Verfahren zur Herstellung von Karten, Navigation, Positionsbestimmung zur See, Zeitmessung, Kalenderwesen, Lehre von den Sonnenuhren, Pyrotechnik (Ballistik, mathematisch-physikalische Grundlagen der Artillerie), Grundzüge der Militär-Architektur (Festungsbau) und der Zivil-Architektur (Entwurfslehre).

Am 12.August 1711 erwarb Bilfinger den Grad eines Magister Artium. Nun konnte er das eigentliche Theologiestudium beginnen.

Nach dem (1.) Examen wurde Bilfinger Vikar in Blaubeuren (an Kirche und Kloster), danach Vilkar in Bebenhausen, Schloßprediger in Tübingen und schließlich, im Jahr 1715, Stiftsrepetent, also eine Art Tutor am Stift, der ergänzende Lehrveranstaltungen abhielt. In Bilfingers Repetentenzeit fällt ein längerer Studienaufenthalt in Halle/Saale, wo Bilfinger bei Christian WOLFF studierte, mit WOLFF auch persönlich bekannt wurde und intensiv mit ihm über sein (Wolffs) System diskutierte.

Nach Tübingen zurückgekehrt, wurde Bilfinger 1721 außerordentlicher Professor (ohne Gehalt) der Philosophie an der dortigen Universität.

1724 kam dazu eine Professur für Moralphilosophie und Mathematische Wissenschaften an der "Hohen Fürsten-Schule zu Tübingen", die auch Collegium Illustre genannt wird. Dies war eine Art Ritterakademie, oder Studienkolleg für Adlige, das in Tübingen neben der Universität bestand.

Als Philosoph vertrat Bilfinger die sogenannte Leibniz-Wolffsche Philosophie.

Ein Grundproblem dieser Philosophie war das Verhältnis von Seele und Körper. Die Lösung: Man stellte sich vor, daß Seele und Körper sich verhalten wie zwei exakt gleich gehende, aber unabhängige Uhren. (Stichwort: Prästabilierte Harmonie.) -

Nach Immanual KANT war Wolff der gewaltigste Vertreter des rationalistischen Dogmatismus, des Standpunkts eines reinen ungebrochenen Vertrauens in die Macht der Vernunft zur Gewinnung von Erkenntnis, und zur Lösung von Problemen.

Bilfinger hatte es in Tübingen nicht leicht, er wurde von den maßgebenden Theologen als Freigeist und Verderber der Religion angegriffen. Daher hatte er nur wenige Hörer. Dabei war Bilfinger ein sehr frommer Mann, der seine Überzeugungen unpolemisch vertrat.

Durch Vermittlung von Christian WOLFF erhielt Bilfinger 1725 eine (Forschungs-)Professur an der neu gegründeten Petersburger Akademie. In Petersburg vertrat Bilfinger verschiedene philosophische Fächer (Logik, Metaphysik, Moral) und Physik.

Die Anstellungsbedingungen: 800 Rubel Jahresgehalt (Bilfingers Kollege Jakob Hermann erhielt 2000 Rubel !), freie Wohnung, Holz und Licht, 300 Reichstaler Reisegeld und "fünfjährige Kapitulation" (einen Fünf-Jahres-Vertrag). Mit Bilfinger reiste Georg Wolfgang KRAFFT aus Tuttlingen (1701 – 1754), der in Petersburg rasch Karriere als Mathematiker machte. Krafft war von 1744 – 1754 Prof. der Mathematischen Wissenschaften in Tübingen. Andere Landsleute kamen durch Bilfingers Vermittlung nach, so im gleichen Jahr der aus Mömpelgard gebürtige Anatom Dr. Johann Georg DUVERNOI (du VERNOI), ein Freund Bilfingers; wenig später, 1727, auch der junge Johann Georg GMELIN (1709 – 1755) aus der Tübinger Marktapotheke, der als wissenschaftlicher Entdecker Sibiriens berühmt ist ("Sibirien-Gmelin"); Gmelin kehrte 1747 nach Württemberg zurück und wurde 1749 Prof. der Botanik und Chemie in Tübingen.

Im Nachlaß Bilfingers findet sich der Brief des Tübinger Weinhändlers Jak. Friedr. Matz vom 22. Okt. 1725. Matz avisiert Bilfinger eine Sendung württembergischer Weine: 1718er Dürrenzimmerer, 1719er Mundelsheimer, und Fellbacher sowie Roßwaager des Jahrgangs 1724. (Ein Cannstatter Zuckerle war nicht dabei). Matz erhoffte sich offenbar, durch Bilfinger Kunden in Petersburg zu gewinnen, vielleicht den Zarenhof beliefern zu dürfen. Was daraus geworden ist ?
'
Auf der Reise verlor Bilfinger sein gesamtes Gepäck, so daß er ohne Geld und Bücher in Petersburg ankam. Das war ziemlich fatal; Petersburg war eine große Baustelle; die Akademie hatte noch keine nennenswerte Bibliothek. Aber Bilfinger meisterte die Situation dank seines hervorragenden Gedächtnisses.

Wenige Tage nach Bilfingers Ankunft wurden die Akademiemitglieder zur Audienz bei der Zarin Katharina I befohlen. Dies war eine Art Eröffnungszeremonie der Akademie; anwesend waren auch die Mitglieder der kaiserlichen Familie und die Vornehmsten des Hofs. Der Professor der höheren Mathematik Jakob Hermann aus Basel und Bilfinger hielten Ansprachen an die Zarin, Hermann auf französisch, Bilfinger auf deutsch. Die Zarin antwortete auf russisch. Danach wurden sämtliche Akademiemitglieder bei der Zarin und ihrer Familie "zum Handkuß zugelassen".

In den folgenden Jahren veröffentlichte Bilfinger rund ein Dutzend wissenschaftliche Abhandlungen in lateinischer Sprache in den "Commentarii Academiae Petropolitanae", dem Publikationsorgan der Petersburger Akademie. Diese Arbeiten behandelten unter anderem folgende Themen:

Das Verhalten schwerer Körper in Wirbelströmungen, Barometer, Kapillargefäße, Reibungskräfte, Thermometer; die Frage, ob dem Blut beim Durchgang durch die Lungen Luft beigemischt wird; die Wirkung einer plötzlichen Erwärmung bzw. Abkühlung auf Glas; das Gefäßsystem der Melonen; Wurzeln und Blätter der Zichorie.

Daneben hielt BILFINGER eine Reihe bedeutender Akademiereden, z.B. 1725, bei der ersten feierlichen Sitzung der Akademie, eine Rede über die Bestimmung der geographischen Länge zu Wasser und zu Lande.

Als Joh. Georg Duvernoi seine Arbeit über die Anatomie der Elefanten präsentierte, hielt Bilfinger namens der Akademie eine Rede "über die Anatomie des Elefanten und die Knochen des Mammut". In dieser Rede kam er auch auf Ausgrabungen von Mammutknochen bei Cannstatt zu sprechen, die er als Junge miterlebt hatte.

Da die Rede den Zaren Peter II ausdrücklich anspricht, muß sie in den Jahren 1728 bis 1730 gehalten worden sein.

Der russischen Regierung diente er vermutlich schon zu dieser Zeit mit Gutachten und Vorschlägen zur Verbesserung von Festungen. (Es gibt dafür allerdings keine schriftlichen/gedruckten Belege.) Außerdem übersetzte er die Gedenkrede des französischen Gelehrten Fontenelle auf Peter I (den Großen) aus dem französischen Original ins Deutsche (das die Zarin Katharina I verstand), und entwarf den Studienplan für den minderjährigen Zaren

PETER II (1715 – 1730; Zar ab 1728).

Eine Abhandlung Bilfingers über die Schwerkraft erhielt 1728 einen Preis der Pariser Akademie der Wissenschaften (und brachte Bilfinger das ungeheure Preisgeld von 2500 lb (= fr. ?) ein. Das entsprach sicher mehreren Jahresgehältern).

Es handelt sich um die Abhandlung "De causa gravitatis physica generali disquisitio experimentalis...", die Bilfinger 1727 einreichte.

Nun wurde Herzog Eberhard Ludwig von Württemberg auf Bilfinger aufmerksam und bemühte sich, ihn nach Württemberg zurückzuholen. Angeblich las der Herzog in Wildbad in der Zeitung von der Bilfinger widerfahrenen Ehre. Diese Bemühungen hatten schließlich Erfolg:

Die Russen ließen nach Ablauf der Fünfjahresfrist den bekannt gewordenen Gelehrten in Ehren ziehen, versehen mit einer Jahresrente und mit der auswärtigen Mitgliedschaft in der Akademie.

1731 wurde Bilfinger also ordentlicher Professor der Theologie in Tübingen und gleichzeitig Prof. der Mathematischen Wissenschaften am Collegium Illustre.
Die zweite Universitätskarriere Bilfingers dauerte aber nur vier Jahre. Herzog Carl Alexander, der Nachfolger Eberhard Ludwigs, der bis zur Regierungsübernahme im Jahre 1733 Feldherr in kaiserlichen Diensten war, kannte und schätzte den Festungsfachmann Bilfinger. Er berief ihn am 18. Dezember 1734 (wirksam 1735) in den Geheimen Rat (die herzogliche Regierung); Bilfinger sollte die Landesfestungen sanieren.

Carl Alexander (1684 – 1733, regierte ab 1733) war zuletzt kaiserlicher Feldmarschall Präses der Landesadministration im Königreich Serbien. Seine Residenz in Württemberg war Schloß Winnental bei Winnenden, heute Bestandteil des Psychiatrischen Landeskrankenhauses Winnenden.

Im Sommer 1732 war Carl Alexander im Wildbad; Bilfinger besuchte ihn dort. Danach schrieb Carl Alexander aus Winnental an Bilfinger und bedankte sich, daß dieser "durch dero angenehme Gegenwart die Zeit in Wildbad so angenehm habe passieren lassen". Er schickte Bilfinger einen Riß der Festung Belgrad zur Begutachtung.

Im Dezember 1732 bat Carl Alexander, daß Bilfinger ihm in der bevorstehenden Weihnachtsvakanz einige Tage schenken möge, damit sie miteinander arbeiten können. Es folgte ein weiterer Briefwechsel, der auch aus Belgrad fortgesetzt wurde, wobei Carl Alexander gegen einige Anschauungen Bilfingers aus der Praxis Einwendungen machte.

Im Herbst 1734 – Carl Alexander war inzwischen regierender Herzog von Württemberg - besuchten (inspizierten) Carl Alexander und Bilfinger gemeinsam die Festung Hohentwiel.

Am 18. Dezember 1734 erfolgte die Berufung Bilfingers in den Geheimen Rat, siehe oben. Die Urkunde besagt: Der Herzog ist entschlossen, Bilfinger "aus besonderen, in seine vielseitig komprobierten Wissenschaften, Geschicklichkeit, Einsicht und Probität setzendem Vertrauen um uns zu haben, zu welchem Ende Wir ihn zu Unserem Geheimen Rat... gnädigst ernannt haben wollen."

Folgende Veröffentlichungen Bilfingers aus dem Gebiet des Festungsbaus sind bekannt:

Supplément aux maximes ordinaires touchant la fortification 1733
Kurze Beschreibung einer neuen Hauptfestung 1733
Nouveaux Projets de Fortification 1736
Beschreibung einer neuen Citadelle 1736 (?)
Citadelle coupée 1756 (also postum)
Erfindungen Bilfingers auf dem Gebiet des Festungsbaus hatten den Zweck, eine Festung möglichst lange verteidigen zu können, auch wenn der Gegner schon Teile der Festung erobert hat.

Beim Tod Carl Alexanders im Jahre 1737 war der Sohn und Nachfolger Herzog Carl Eugen noch minderjährig. Es wurde eine Vormundschaftliche Regierung eingesetzt, deren wichtigstes Mitglied – Georg Bernhard Bilfinger war. 1739 übernahm er noch den Posten eines Präses (Direktors) des Konsistoriums (der Kirchenleitung). Auch nach dem Regierunsantritt Herzog Carl Eugens im Jahre 1744 blieb Bilfinger in seinen Ämtern und hatte großen Einfluß auf die Regierungsgeschäfte.

1746 hielt Bilfinger z.B. die Rede zur Grundsteinlegung des Residenzschlosses (Neuen Schlosses) in Stuttgart. In Bilfingers Nachlaß finden sich umfangreiche Akten über diesen Bau. Offenbar hatte Bilfinger die oberste Bauaufsicht. -

Bilfinger konnte Württemberg aus dem "österreichischen Erbfolgekrieg" heraushalten. Er vertrat eine vorsichtige Anlehnung an Preussen und setzte durch, daß die herzoglichen Prinzen eine Zeit lang am Berliner Hof erzogen wurden; auch entwarf er den Studienplan für die Ausbildung am Berliner Hof. Die württembergischen Interessen in Berlin vertrat zu dieser Zeit ein Geheimrat Georgii, mit dem Bilfinger regelmäßig und ausführlich korrespondierte.

Bilfinger verfasste, und unterschrieb namens des Herzog-Administrators Carl Friedrich das berühmte Pietismus-Reskript vom 10. Oktober 1743. Vor sieben Jahren (1993) feierte die evang. Landeskirche in Württemberg das 250-jährige Jubiläum dieses wichtigen Gesetzes.

Mit dem Pietismus-Reskript wurde den pietistischen Gemeinschaften ein bestimmter Freiraum in der Landeskirche zugestanden. Damit konnte – jedenfalls in Württemberg – der Pietismus innerhalb der Landeskirche wirken und sich entfalten; es wurde verhindert, daß sich der Pietismus außerhalb, oder gar gegen die Landeskirche entwickelt. In keinem deutschen Land gab es im 18. Jahrhundert eine vergleichbare Regelung.

Gegenüber der Zinzendorfschen Brüdergemeine verhielt sich Bilfinger sehr viel aufgeschlossener als sein Kollege im Konsistorium Johann Albrecht BENGEL (1687 – 1752, seit 1748 Mitglied des Konsistoriums).

Auch um den Weinbau in Württemberg (besonders in Cannstatt !) hat sich Bilfinger verdient gemacht. Im 30-jährigen Krieg wurden große Teile der Rebflur verwüstet. In der Folgezeit bauten die Winzer häufig minderwertige, aber ertragreiche Rebsorten an. Man mußte eine große Nachfrage befriedigen; Menge ging vor Qualität. Bilfinger verwandelte um 1748 seinen Weinberg auf der Prag (an der Stelle des alten Robert-Bosch-Krankenhauses) in einen Versuchs-Weinberg, wo er viele (150 ?) Rebsorten aus dem In- und Ausland anpflanzte und deren Eigenschaften wissenschaftlich-systematisch verglich. Es ging darum, die für den Stuttgarter Raum geeigneten Rebsorten herauszufinden.-

Der herzogliche Erlaß von 1751 über den Weinbau beruht wesentlich auf Vorarbeiten Bilfingers.

Übrigens hat auch der Hauptmann Caspar SCHILLER, der Vater des Dichters, sich um die Hebung des Weinbaus bemüht, mit seinen ökonomischen Beiträgen von 1766. -

Bilfinger war nicht verheiratet. Man sagt ihm einen ausgeprägten Familiensinn nach. Z.B. hatte er ein sehr herzliches Verhältnis zu seiner Mutter (gest. 20.07.1742). Seine Mußestunden widmete er seinem Garten und seinem Weinberg.

Der Hofprediger Tafinger, ein Freund Bilfingers, sagt von ihm in seiner Grabrede: "Ein großes Licht, welches Gott in der wirtembergischen Kirche und Staat aufgesteckt hat, ist erloschen."

Ich habe versucht, dieses Licht ein wenig aufscheinen zu lassen.


Literatur
Georgii Bernhardi Bilfingeri Varia in Fasciculos Collecta. Stuttgardiae Sumptibus Filiorum Beati Christophori Erhardti Anno 1743.
[Sammlung wichtiger Reden und Abhandlungen Bilfingers, die nicht in den Veröffentlichungen einer Akademie erschienen sind. Das Buch ist in drei Hefte (Fasciculi) aufgeteilt]

Eugen Schmid, Geheimerat Georg Bernhard Bilfinger (1693 – 1750). In: Zeitschrift für württembergische Landesgeschichte (N.F.) III. Jahrgang. 1939. Seiten 370 – 422.
Unter http://opac.ub.uni-tuebingen.de hat man Zugang zum Katalog der Universitätsbibliothek Tübingen. Unter Bilfinger, Georg Bernhard findet man 42 Einträge, meist Originalveröffentlichungen von Bilfinger, aber auch die erwähnte "Leichen-Rede" von Tafinger auf G. B. Bilfinger 


Dr. Gerhard Betsch, Furtbrunnen 17, 71093 Weil im Schönbuch

E-Mail: Gerhard.Betsch@t-online.de

 

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